Fundtiere

24.11.2021 – Bezirk Gänserndorf, 2230 Gänserndorf
Entsorgt. Ich wurde einfach entsorgt.
Nun ist es dunkel. Ich kann nicht erkennen, wo ich bin.
Doch weit komme ich nicht. Egal in welche Richtung ich gehe, sofort stehe ich an einer Wand an.
Außerdem stinkt es. Nach Essensresten, Babywindeln und anderen ekeligen Sachen.
Wo bin ich?
Ich bin schwach, kann mich gerade einmal so auf meinen Beinen halten.
Mir ist kalt. Liegt es an den Temperaturen oder meinem Zustand?
Hört mich denn niemand?
Dann durchdringt Licht meine Umgebung und im ersten Moment werden meine Augen geblendet.
Doch dann kann es erkennen – ich saß inmitten einer Restmülltonne.
Gerade, als jemand den nächsten Müll nach mir werfen wollte, hält der Zweibeiner inne.
Miau?
„Wer bist du denn?“ spricht man zu mir und befreit mich aus diesem Gefängnis.
Ja, ich bin vielleicht nicht das hübscheste Tier – man sieht mir deutlich an, dass ich einen schweren Weg hinter mir habe. Und für die Nase scheine ich auch nichts zu sein, denn immer wieder halten sich Zweibeiner ihr Riechorgan zu, wenn sie mir zu nahe kommen.
Sie nehmen mich mit und beginnen zu telefonieren. Wörter wie „Tierheim“, „Fund“, „Klinik“ und „schlechter Zustand“ dringen in meine sensiblen Ohren. Hallo? Wie würdet ihr denn aussehen, wenn sich niemand um euch kümmert und ihr in einer Mülltonne eingeschlossen wärt?
Wieder kommt jemand und sie fangen mich ein. „Alles wird gut.“ sprechen sie und ich zittere am ganzen Körper. Was soll das bedeuten? Schlägt nun meine letzte Stunde?
Ich werde eingefangen und einige Zeit später komme ich an. Ein Mensch mit weißem Kittel erwartet mich und ich werde nervös. Doch so sehr ich auch flüchten möchte, so kann ich nicht. Meine Beine können mich kaum noch tragen. Hilflos sehe ich also in die Augen des Zweibeiners, der eine Maske trägt Meinetwegen?
Er durchsucht meine Ohren, bewegt meine Glieder, leuchtet in meine Augen, sieht mir ins Maul und tut viele andere Dinge, von denen ich nicht sprechen möchte. Mein Kopf wird schwer, meine Atmung flacher… Ich frage mich: Wo sind meine Besitzer? Was war passiert? Tausend Gedanken kreisen durch meinen Kopf, welchen ich schließlich kraftlos am Untersuchungstisch ablege…
Leider habe ich es nicht überlebt. Mein Körper war zu kalt. Zu schwach. Aber jetzt bin ich schmerzfrei. Für immer.
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𝐙𝐄𝐔𝐆𝐄𝐍 𝐆𝐄𝐒𝐔𝐂𝐇𝐓
Wir wissen nicht, ob diese arme Katzenseele ausgesetzt wurde oder durch Zufall in dieser Mülltonne landete. Sollte sie allerdings von jemandem „entsorgt“ worden sein, bitten wir um Augenzeugen.
Jeder, der im Müllraum der Wohnsiedlung in der Dr. Nemec Gasse (Gänserndorf) gesehen hat, wer die Samtpfote in die Tonne verfrachtet hat, soll sich bitte bei uns melden: +43 664 50 411 06
Jeder Zeuge kann helfen, die ehemaligen Besitzer zur Rechenschaft zu ziehen.
Vielen Dank für eure Mithilfe!